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Die Schirmherrin

18. Februar 2013 | 12:15 Uhr

Foto: dapd

Hamburg (dapd). Wer am Begräbnis eines Hamburger Senators teilnimmt, wird bei Regen die schwarzen Schirme der Verteins erblicken. Alle anderthalb Jahre liefert der Traditionsbetrieb aus der Hansestadt zwölf Stück ans Rathaus. Auch die Bundeskanzler seit Gerhard Schröder werden von einem Schirm aus Hamburg vor Regen geschützt. "Eine Spezialanfertigung", sagt Carola Vertein, die den Familienladen in fünfter Generation betreibt. Der Schirm hat einen leicht gebogenen Stock, so dass derjenige, der den Kanzlern den Schirm hält, etwas weiter weg stehen kann.

Jeder der einen besonderen Schirm sucht, kommt an Deutschlands gefühlter Regen-Hauptstadt Hamburg nicht vorbei. Vor allem in den Wintermonaten bringen graue Wolken in der Hansestadt fiesen Nieselregen, wie Meteorologin Jutta Perkuhn vom Deutschen Wetterdienst sagt. Aber statistisch gesehen falle in Hamburg sogar weniger Regen als in München. Im Mittel der vergangenen 30 Jahre waren es in Hamburg jährlich etwa 780 Millimeter pro Quadratmeter und in München gut 970. Allerdings hatte die Elbmetropole mit 1.500 Sonnenstunden pro Jahr rund 200 weniger als die bayerische Landeshauptstadt.

Das ist auch gut so, findet Carola Vertein. "2003 war es in Hamburg leider besonders sonnig." Das kann die 45-Jährige aus den Verkaufsbüchern des Schirmladens ablesen. In dem Jahr sei das Geschäft besonders schlecht gelaufen. Carola Vertein betreibt den Familienladen zusammen mit Tochter Meike und einem Cousin. Auf rund 60 Quadratmetern hängen 3.000 Regenschirme - und ein Gemälde von Ur-Ur-Urgroßvater Theodor Eggers.

Der bärtige Seemann hatte mit dem Schirmverkauf angefangen, weil seine angebetete Hamburgerin nur einen sesshaften Mann heiraten wollte. Zuerst mobil auf dem Fischmarkt, dann legte er mit einem Laden den Grundstein für ein Regenschirm-Imperium: Elf Filialen in Hamburg und Umland zählte "Schirm Eggers" zur Blütezeit. Dann ging es bergab.

Untergang des Regenschirm-Imperiums

"Wenn mir einer kommt mit: Bei Opa hätte es die Reparatur noch kostenlos gegeben, dann sag ich: Deswegen ist 'Schirm Eggers' auch pleitegegangen", sagt Meike Vertein. Die 24-Jährige mit den kurzen Haaren trägt das gleiche T-Shirt wie ihre Mutter: schwarz mit dem Aufdruck "Schirm & Co". So heißt der Laden heute, nachdem "Schirm Eggers" vor 20 Jahren Konkurs anmeldete.

Vom Regenschirm-Imperium ist nur noch der Laden unweit der Mönckebergstraße in der Hamburger Innenstadt übrig. Für die Verteins ist klar, wer Schuld hat: große Konzerne mit Billigprodukten und die gesunkene Wertschätzung für Regenschirme. "Früher hat man für einen Schirm noch ein halbes Monatsgehalt ausgegeben", sagt Carola Vertein. Heute verleihe sogar das Parkhaus im selben Gebäude kostenlos welche.

Der kleine Laden lebt von einer treuen Kundschaft, die Wert auf Qualitätsschirme legt. So wie die ältere Dame, die gerade zur Tür hereinkommt. Sie bringt ihren schwarz-weiß gemusterten Schirm zur Reparatur. "Ich habe den Schirm gern, er hat Erinnerungswert, und das Muster kleidet mich", sagt die Frau. Eine Niete ist bei dem Schirm herausgefallen, die Reparatur kostet vier Euro. Etwa 5.000 Schirme werden in dem Laden pro Jahr repariert. Und 8.000 verkauft. Zwischen 6 und 1.000 Euro kostet ein Schirm.

Trommeln unterm Schirm

Der teuerste hat einen Griff aus Sterling-Silber, einen Schirmstock aus Ebenholz und ist mit schwarzem Krawattenstoff überzogen - mehr Statussymbol als Regenschutz. Doch Verkaufsrenner ist ein anderes Modell: "Sturmtrotz" für knapp 50 Euro. Wegen des oft stürmischen Wetters in Hamburg sei Stabilität gefragt, sagen die Schirm-Verkäuferinnen. Vergängliche Mode spiele für die Hanseaten kaum eine Rolle.

Schirme stelle sie nur noch selten selbst her, sagt Carola Vertein. Es lohne sich heutzutage einfach nicht mehr. Zumal: "Früher war ein Schirm aus Europa Weltklassen besser als aus Fernost. Das ist heute anders."

Ihr Sortiment bestellt sie daher in verschiedenen Ländern, auch in Asien. Aber, fügt Tochter Meike hinzu, einen guten Schirm könne man immer noch auf dieselbe Art von einem Billigmodell unterscheiden: das Trommeln.

Denn wenn Regen auf einen guten Schirm prasselt, trommelt es. "Das kommt durch die hohe Spannung des Schirmstoffs über einem stabilen Gestell", erläutert sie. Bei einem Billigmodell klinge es hingegen wie Tröpfeln auf einer Plastiktüte.

Und so trommelt es auch auf einem verregnetem Hamburger Senatoren-Begräbnis oder wenn Angela Merkel unter dem Kanzler-Schirm steht. Carola Vertein weiß, dass die Zeiten von Eggers Schirm-Imperium vorbei sind. Doch sie wünscht sich: "Ich hoffe, dass die Menschen sich irgendwann an das Gefühl unter einem schönen Regenschirm erinnern, das sie heute total vergessen haben."

dapd

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