Wallraff nimmt Paketlieferdienste ins Visier
31. Mai 2012 | 12:45 Uhr
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Hamburg/Berlin (dapd). Enthüllungsjournalist Günter Wallraff hat nach seiner Reportage über den Paketdienst GLS weitere Recherchen in der Branche angekündigt. Er werde auch die Arbeitsbedingungen beim Konkurrenten Hermes unter die Lupe nehmen, sagte der 69-Jährige am späten Mittwochabend in der RTL-Sendung "Stern TV". "Ich werde das in einem halben oder einem Jahr noch einmal bei Hermes wiederholen lassen". Hintergrund war die Ankündigung eines Hermes-Sprechers, die Arbeitsbedingungen für die Paketfahrer grundlegend zu verbessern.
Für seine aktuelle Reportage recherchierte der Journalist nach eigenen Angaben mit Unterbrechungen ein halbes Jahr in der Branche. Dabei filmte er seine Erlebnisse mit versteckter Kamera. Für den 69-Jährigen war er es die erste Zusammenarbeit mit dem Privatsender RTL.
Bei "Stern TV" traf Wallraff auf Thomas Voigt, den Sprecher der Otto-Group, zu der auch Hermes gehört. Voigt räumte Missstände in der Branche ein. "Es braucht dringend eine Veränderung", sagte er. Gleichzeitig kündigte Voigt Verbesserungen für die Paketfahrer an: "Wir sind bei Hermes grundlegend dabei, das ganze System umzubauen." Zudem werde das Unternehmen die Bezahlung pro Paket abschaffen und einen Stundenlohn einführen.
Wallraff übt in der Reportage, die am (heutigen) Donnerstag auch im "Zeit Magazin" erschienen ist, scharfe Kritik an den Löhnen und Arbeitsbedingungen der GSL-Paketboten. "Was mir die Kollegen in dieser Zeit berichtet haben, welche Zerstörung an Leib und Seele diese Arbeit für sie gebracht hat - ich hatte geglaubt, so etwas gäbe es seit dem Frühkapitalismus nicht mehr", schreibt Wallraff. "Die Arbeit zehrt an der Gesundheit, auch bei den vorwiegend jungen Fahrern. Sie altern in einem rasanten Tempo."
Höchstgewichte für Standardpakete würden nicht eingehalten, die Fahrer müssten diese dennoch tragen. Ein Arbeitstag von 12 bis 14 Stunden sei die Regel. Den Paketboten bleibe oft ein Stundenlohn von fünf Euro oder sogar weniger. Ruhepausen würden nicht eingehalten. Aufgrund von Übermüdung gefährdeten die Fahrer auch andere Verkehrsteilnehmer, kritisiert Wallraff.
Das Unternehmen stelle die Fahrer nicht selbst ein, sondern schließe Verträge mit Subunternehmern, die wiederum die Paketboten anstellen. "Damit kann GLS sämtliche Risiken auslagern - ein Traum für jeden Unternehmer", schreibt Wallraff.
Der Paketzusteller wies die Vorwürfe am Donnerstag zurück. Das Unternehmen bedauere "die einseitige und verkürzte Berichterstattung", teilte GLS mit. Die Subunternehmer würden zur Beschäftigung von Fahrern "in rechtskonformen sozialversicherungspflichtigen Anstellungsverhältnissen" verpflichtet.
Wallraff kritisiert aber nicht nur die Unternehmen. Niedriglöhne von fünf Euro oder weniger seien vom Gesetzgeber durch Deregulierung und Privatisierung der Branche herbeigeführt worden.
Die Methoden der Branche waren in den vergangenen Monaten bereits mehrfach zum Gegenstand kritischer TV-Berichte geworden. Im Dezember hatte sich ein NDR-Reporter unerkannt bei der Post-Tochter DHL eingeschleust und über die niedrigen Löhne und den harten Arbeitsalltag der Zusteller berichtet. Bereits im August war in einer Dokumentation der ARD die Missstände bei dem Paketlieferdienst Hermes kritisiert worden.
Die Wallraff-Reportage auf RTL sahen am Mittwochabend 2,95 Millionen Zuschauer. Dies entspricht einem Marktanteil von 10,4 Prozent beim Gesamtpublikum und 14,6 Prozent in der Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen, wie der Sender mitteilte. Die anschließende Diskussion in der Sendung "Stern TV" verfolgten 2,88 Millionen Zuschauer. Der Marktanteil beim jungen Publikum lag bei 19,2 Prozent.
dapd
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