Warten in Tegel statt Baden auf Kuba
17. April 2010 | 14:30 Uhr
Foto: dapd
Berlin (ddp-bln). Ewa Jankowska wacht mit tiefen Augenrändern in der Abfertigungshalle am Flughafen Berlin-Tegel auf. Seit 03.00 Uhr am Samstagmorgen sitzt die 48-Jährige aus Wroclaw (Breslau) in Polen auf einem der Stühle in der grauen Reihe. Sie wartet, dass ihr Urlaubsflieger nach Kuba „irgendwann abhebt“. Der Vulkanausbruch auf Island legt auch Samstag einen Großteil des europäischen Flugverkehrs lahm. Ewa Jankowska stellt sich auf „harte Zeiten“ ein.
Minuten werden zu Stunden. Jankowska lehnt sich zurück, zupft ihre weiße Strickjacke zurecht und schaut nach dem Koffer. Gleich nebenan schläft ein Ehepaar vor einer bunten Werbewand, auf der sich der Schlossgarten von Sanssouci in Potsdam vorstellt. In der Abfertigungshalle zwischen den Schaltern eins und zwei ist es am frühen Morgen ruhig wie sonst nie um diese Zeit. Nur selten rattern Koffer über die Fliesen.
Auf den vier riesigen Anzeigetafeln in Tegel mit den Starts und Landungen blinken die für Passagiere entscheidenden Worte auf: „gestrichen“ und „cancel“ (annulliert). Nadine Lambert zückt ihre Digitalkamera, drückt den Auslöser, dann blitzt es. „So etwas hat Seltenheitswert“, sagt die 32-Jährige. Eigentlich wollte sie am Samstagabend mit dem Flieger zurück nach Frankfurt am Main. Die Tickets hat sie gegen Bahnfahrkarten eingetauscht. „Uns sind keine zusätzlichen Kosten entstanden“, schiebt sie schnell nach und lacht.
Der Flughafen Tegel ähnelt am Vormittag einem Geisterbahnhof. Fast gespenstisch mutet es die Verkäuferin Jolanda Bahlmann an, die von Souvenirs umgeben ist. „Ein sehr ungewohntes Bild“, sagt sie. Glücklich ist die 51-Jährige nicht. „Die Kassen klingeln nicht mehr.“ Ihre Umsatzeinbußen schätzt sie für den Samstag auf 98 Prozent. Am Freitag seien es 95 Prozent gewesen. Auf den Vulkan in Island ist sie deshalb nicht besonders gut zu sprechen.
Der Flugverkehr an den Berliner Airports steht seit Freitag 02.00 Uhr still. Bis mindestens 02.00 Uhr am Sonntagmorgen sollte der Luftraum über Berlin gesperrt bleiben. Der Ausbruch des Gletscher-Vulkans Eyjafjallajökull, rund 120 Kilometer von der Hauptstadt Reykjavik entfernt, sorgt mit seiner riesigen Aschewolke europaweit für Chaos im Flugverkehr.
Helmut Schramm sieht es gelassen. Mit seiner Verlobten wollte er Urlaubstage auf Teneriffa verbringen. „Wir haben storniert, ich habe damit gerechnet“, erklärt der 76-Jährige und stützt sich auf seinem Koffer ab. „Als Rentner können wir auch nächste Woche fliegen.“ Ungeduldig und genervt schauen dagegen Jugendliche aus einer Gruppe französischer Schüler ständig auf die Uhr. Sie liegen auf Jacken und Gepäckstücken und dösen, lesen oder lösen Kreuzworträtsel.
Nicht weit davon halten die Fluggesellschaften ihre Schalter geöffnet. Im Gegensatz zum Freitag stehen am Samstag nur einige Reisende für Informationen an. Die Flughäfen hatten an die Passagiere appelliert, vor der Fahrt zum Airport Kontakt zu den Fluggesellschaften aufzunehmen. „Das zeigt Wirkung“, wie ein Sprecher der Berliner Flughäfen sagt.
Sven Richter aus Dresden telefoniert oft mit seinem Reiseveranstalter. Der 26-Jährige, der eigentlich nach Dubai aufbrechen wollte, hat die Nacht zu Samstag wie viele andere auch in einem Berliner Hotel verbracht. Wie es mit der Reise weiter geht, bleibt ungewiss. „Ich bin enttäuscht. Das ganze Jahr habe ich mich auf den Urlaub gefreut.“
Der junge Mann steht vor dem Fenster eines Schalters mit Blick auf das menschenleere Rollfeld. Eigentlich sollten am Samstag von Tegel 490 Maschinen starten, in Schönefeld waren 133 Abflüge geplant.
Auch Margarete Dorfmeister sollte in einem der Flieger sitzen. In ihrer Tasche stecken noch Flugunterlagen, die die Rentnerin aus Wien nicht mehr benötigt. Am Berliner Hauptbahnhof hält sie nun eine Bahnfahrkarte in der Hand. Nicht weit von ihr staut sich eine mehr als 40 Meter lange Schlange Wartender vor den Reisezentren. Margarete Dorfmeister läuft derweil mit ihrem Mann zum Bahnsteig und grummelt: "Mit dem Zug sind wir nun ganze neun Stunden länger unterwegs.“
(ddp)
Abgelegt unter: Flughafen · Luftverkehr · Tegel · Vulkanausbruch
