Farbenreiche Musik und lahme Regie
19. Juli 2012 | 16:15 Uhr
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Bregenz (dapd). Die Komponisten unserer Tage machen um Science-Fiction einen großen Bogen. Lieber vertonen sie - wenn es denn eine klassische Handlungsoper sein soll - alte Mythen aus der Antike, anstatt sich dem Wagnis auszusetzen, die Blockbuster des Zukunfts-Genres mit ihren opulenten Soundtracks, die selbst oft an neuzeitliche Opern erinnern, noch toppen zu wollen.
Jetzt hat sich der Hamburger Komponist Detlev Glanert, einer der populärsten und klanglich verbindlichsten Tonschöpfer der Gegenwart, dieser Herausforderung gestellt und aus Stanislaw Lems Scifi-Klassiker "Solaris" eine abendfüllende Oper gemacht. Mit der Uraufführung wurden am Mittwochabend die Bregenzer Festspiele eröffnet. Der 1961 erschienene Roman wurde schon mehrfach verfilmt, 1972 von dem Russen Andrei Tarkowski und zuletzt, im Jahr 2002, von Steven Soderbergh mit George Clooney in der Hauptrolle.
Ein großer Stoff: Astronauten kreisen in einer Raumstation um den fernen Planeten Solaris, dessen gigantischer, plasmatischer Ozean die Macht besitzt, Erinnerungen und Gefühle der Menschen zu materialisieren und Tote wieder auferstehen zu lassen. Glanert und sein Librettist Reinhard Palm verdichten die im Original recht trockene Story auf die Zweierbeziehung zwischen dem Psychologen Kelvin und der Wiedergängerin seiner Frau Harey, die sich einst auf der Erde das Leben genommen hatte.
Zunächst versucht Kelvin, seinen ungebetenen Gast durch die Luftschleuse in den Weltraum abzuschieben. Doch Harey taucht wieder auf, schließlich ist sie ja ein Abbild seiner eigenen Gedanken. Diesmal verliebt sich Kelvin in sie, verliert die Frau jedoch ein zweites Mal, als seine Astronautenkollegen Sartorius und Snaut den Plasmaozean bombardieren. Kelvins Mitreisende und ihre "Gäste" - eine dunkelhäutige Frau, eine Zwergin und eine sexbesessene Seniorin - sind Counterpart zu dem tragischen Paar.
Glanert ist mit "Solaris" eine farbenreiche, vielschichtige Partitur gelungen, die sich quasi-tonalen Experimenten nicht verweigert. Der als "Klangmagier" gefeierte Komponist ist ein hochtalentierter Lautmaler und schöpft auch aus dem Formenreichtum der Musiktradition. Man entdeckt Choräle, einen schrägen Walzer und Bigband-Sound.
Die verschiedenen Szenen seiner zweiaktigen Oper verbindet Glanert mit Zwischenspielen, in denen der Ozean zu sprechen beginnt. Sirenengleich lässt er die Sänger des Prager Philharmonischen Chores über sphärischen Klangteppichen schweben. Da darf man auch an Claude Debussy denken oder an Benjamin Brittens "Sea Interludes". In den Dialogen zwischen Kelvin und Harey sowie in Kelvins langem Schlussmonolog gelingen Glanert innige Kantilenen, während sich die Sänger sonst oft in einer Art Sprechgesang gegenüber den Klangmassen aus dem Orchestergraben behaupten müssen.
Viel Applaus am Ende gibt es vor allem für die Wiener Symphoniker unter Markus Stenz und das sehr respektable Ensemble mit dem Bariton Dietrich Henschel als Kelvin und der Sopranistin Marie Arnet als Harey. Dass der Funken in der Premiere zur Eröffnung der diesjährigen Bregenzer Festspiele nicht ganz übersprang, war wohl der etwas eindimensionalen Regie des Duos Moshe Leiser und Patrice Caurier zuzuschreiben.
Ihnen war nicht viel mehr eingefallen als überdeutliche Anleihen an Stanley Kubricks Filmklassiker "2001: Odyssee im Weltraum". Das Einheitsbühnenbild von Christian Fenouillat zeigte den steril-weißen Innenraum eines Raumschiffs, durch dessen Fenster der Plasmaozean hereinschimmert. Auch das psychedelische Lichtgewitter bei der Bombardierung des Planeten Solaris kannte man schon - aus dem Kino. Am Ende kam sogar Kitschverdacht auf, als Kelvin seinen ergreifenden Schlussmonolog im Klettergurt zwischen vom Bühnenhimmel heruntergelassenen Sternchen absolvierte. Die Koproduktion mit der Komischen Oper Berlin wird ab Mai 2013 auch in der Hauptstadt zu sehen sein.
( http://www.bregenzerfestspiele.at )
dapd
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