Verkehrsclub Deutschland fordert Stresstest für „Stuttgart 21“
19. August 2010 | 16:45 Uhr
Foto: dapd
Stuttgart (ddp-bwb). Angesichts der fortschreitenden Abrissarbeiten am Stuttgarter Hauptbahnhof weiten die Gegner des Bahnprojekts „Stuttgart 21“ ihre Proteste aus. Für Donnerstag- und Freitagabend waren jeweils Demonstrationen geplant. Mit Sitzblockaden hatten Demonstranten in der Nacht zum Donnerstag versucht, die Anlieferung von Abrissbaggern zu verhindern. Der Verkehrsclub Deutschland (VCD) forderte unterdessen einen Stresstest für das umstrittene Milliardenprojekt, bei dem der Hauptbahnhof vom Kopf- zum unterirdischen Durchgangsbahnhof umgestaltet und der Flughafen an das Schienennetz angebunden werdn soll. Für einen Baustopp und Gespräche zwischen Gegnern und Befürwortern sprachen sich erneut das Forum Demokratische Linke in der SPD (DL 21) Baden-Württemberg sowie Ulrich Maurer vom Parteivorstand der Linken aus.
Nach Angaben der Polizei mussten in der Nacht mehrere Demonstranten vor dem Hauptbahnhof „mit unmittelbarem Zwang“ weggetragen werden. Die Polizei sprach von 350 bis 400 Teilnehmern an der Demonstration, die Protestgruppe „Parkschützer“ von etwa 1000. Wann genau der Abriss der Außenfassade des Nordflügels beginnen soll, stand zunächst nicht fest.
Der VCD-Landesvorsitzende Matthias Lieb forderte für „Stuttgart 21“ einen „Nachweis der Fahrbarkeit des Streckennetzes unter widrigen Umständen“. Der VCD habe Landesverkehrsministerin Tanja Gönner (CDU) in einem Brief aufgefordert, durch ein kompetentes Institut nachweisen zu lassen, wie groß die Leistungsreserven des gesamten Projekts sind. Eine Antwort stehe noch aus.
Die in einer Studie der Schweizer Verkehrsplanungsfirma SMA aufgezeigten Engpässe im Bahnverkehr nach der Umsetzung von „Stuttgart 21“ stellten den Nutzen des Milliardenprojekts in Frage, sagte Lieb. Projektgegner hatten Ende Juli ein SMA-Papier veröffentlicht und daraus abgeleitet, dass die Infrastruktur zu knapp ausgelegt sei und der Bahnhof zum Nadelöhr werde. Zudem werde die Infrastruktur im Wirtschaftsraum Mittlerer Neckar durch „Stuttgart 21“ nicht verbessert, sondern reduziert.
SMA entgegnete, die Interpretationen bezögen sich nicht auf den derzeitigen Gesamtplanungsstand des Projekts, sondern auf überholte Sachstände von Teilaspekten.
Die Ankündigung von Gönner, anders als bisher vorgesehen ein zweites Gleis zum Flughafenbahnhof durchzusetzen, und die Signaltechnik auf der Strecke zu verbessern, reiche nicht aus, sagte Lieb. Ein Kollaps des Gesamtsystems sei selbst bei nur geringen Störungen zu erwarten.
Die Grünen im Landtag unterstützen die Forderung des VCD. Die von Ministerin Gönner veröffentlichte Stellungnahme von SMA sei keine Entlastung für die Planer von “Stuttgart 21„, sagte der Verkehrsexperte der Landtagsfraktion, Werner Wölfle. Der Satz “Die Bestandsanalyse in Stuttgart hat deutlich gemacht, dass die geplante Infrastruktur knapp bemessen und nicht überdimensioniert ist“ bedeute übersetzt, dass Angebotsausweitungen in Zukunft kaum möglich seien. Gönner habe in der jüngsten Landtagsdebatte zum Thema verdeutlicht, dass nur an einer von mindestens vier Schwachstellen nachgebessert werde.
Der Sprecherkreis DL 21, darunter die SPD-Bundestagsabgeordnete Hilde Mattheis und ver.di-Bezirksleiterin Leni Breymeier, appellierte an die Landesregierung und die Deutsch Bahn, alle offenen Fragen zu beantworten, strittige Punkte zu klären und alle Informationen offen zu legen. Außerdem solle geklärt werden, wann eine Bürgerbefragung in Baden-Württemberg zu dem Projekt ermöglicht werden könne.
ddp
Abgelegt unter: Bahn · Stuttgart 21 · VCD · VerkehrWeitere Meldungen aus der Kategorie Baden-Württemberg
Über Facebook informieren wir unsere Leser über lokale Nachrichten.

