Fachforum in der IHK – Familienfreundlichkeit im Unternehmen
1. März 2011 | 12:08 Uhr
Karlsruhe (bb). Ein Marathonlauf ist 42,195 Kilometer lang. Die sicherlich anstrengendste Disziplin der Leichtathletik. Nicht ohne Grund hat Sofie Geisel, Leiterin des Netzwerkbüros „Erfolgsfaktor Familie“ des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) in Berlin den Weg zur Familienfreundlichkeit im Unternehmen mit genau dieser Disziplin verglichen. Auf dem Fachforum des Karlsruher „Bündnisses für Familie“ im IHK Haus der Wirtschaft stellte sie den anwesenden Unternehmensvertretern die provokante Frage: Auf welchem Kilometer des Familienfreundlichkeits-Marathons befinden sich die Unternehmen in der TechnologieRegion Karlsruhe?
Die Einschätzungen reichten von „Gerade mit dem Training begonnen“ bis zu „ungefähr bei Kilometer 15“. Und das, obwohl einer Umfrage des DIHK zufolge schon jetzt 70 Prozent der deutschen Unternehmer offene Stellen nicht mit qualifiziertem Personal besetzen können. Ein vom Bundesfamilienministerium in Auftrag gegebenes Gutachten ergab: Vorausgesetzt, alle nicht erwerbstätigen und alle in Elternzeit befindlichen Mütter könnten ihre Arbeitszeitpräferenzen vollständig realisieren, gäbe es eine zusätzliche Beschäftigung von rund 1,48 Millionen Vollzeitstellen in Deutschland.
„Es hat lange gedauert, bis der Demographische Wandel im Bewusstsein der deutschen Wirtschaft angekommen ist“, erklärte Sofie Geisel. „Und in manchen Regionen Deutschlands hat der Kampf um die Fachkräfte bereits begonnen. Nicht umsonst gibt es Firmen, die ihre Bewerber nach Mallorca einladen.“ Eines der wichtigsten Attraktivitätskriterien sei die Familienfreundlichkeit: Für 92 Prozent der Arbeitnehmer spielt bei der Wahl des Arbeitgebers die Vereinbarkeit von Beruf und Familie eine mindestens so große Rolle wie das Gehalt. 26 Prozent haben aus diesem Grund schon einmal den Arbeitgeber gewechselt. Ganz oben auf der Wunschliste stehen familienbewusste Arbeitszeiten (dabei geht das Bedürfnis weg von kleiner Teilzeit hin zu reduzierter Vollzeit), Sonderurlaub bei Krankheit des Kindes, Wiedereinstieg erleichtern und eine betrieblich unterstützte Kinderbetreuung.
Interessante Beispiele für Familienfreundlichkeit in der praktischen Umsetzung lieferten sieben Unternehmensvertreter. Schlagworte wie flexible Arbeitszeit, Führung in Teilzeit oder weg von der Präsenzkultur, tauchten in der von Sofie Geisel moderierten Talkrunde immer wieder auf.
Dr. Ralf Nikolai, Geschäftsführer der Lindenbaum GmbH, sieht in der Vorbildfunktion der Führungskräfte einen wichtigen Beitrag. Ein Kollege aus der Geschäftsführung ist alleinerziehender Vater in Teilzeit und trotzdem agiert das Unternehmen erfolgreich am Markt. „Bei uns im Hause werden Teamziele gesteckt, die gemeinsam erreicht werden müssen. Man sollte die Arbeit an Leistungen messen und nicht nach Anwesenheitszeiten.“
Insgesamt 55 verschiedene Arbeitszeitmodelle hat Annette Reitz, Personalleiterin der Physik Instrumente (PI) GmbH & Co KG anzubieten. Und das, obwohl zwei Drittel der Beschäftigten männlich sind. Ihr Motto: „Man kann alles, wenn man nur will. Junge Eltern arbeiten in Teilzeit motivierter und engagierter, wenn man ihnen ein angenehmes Umfeld verschafft.“
Die ISB AG ist noch einen Schritt weiter gegangen und hat eine „Krabbelstube“ für die 0-3-jährigen eingerichtet. Gerlinde Wiest-Gümbel, Bereichsleiterin Vertrieb, berichtet über das erfolgreiche Projekt mit seinem durchweg positiven Nutzen. Die firmeneigene Einrichtung ermöglichte ihr nach der Geburt ihres Kindes, zeitnah an den Arbeitsplatz zurückzukehren. Eine KiTa hat Anke Bünting-Walter, Geschäftsführerin der Haus des Hörens Anke Bünting-Walter GmbH, zwar nicht, aber dafür hat sie selbst zwischen zwei Kunden Diktate geübt oder Mathematikaufgaben gelöst. Sie hat mit ihren drei kleinen Kindern vor Jahren den ungewöhnlichen Weg der Selbständigkeit in Teilzeit gewählt. „So war ich auf keine Fremdbetreuung angewiesen und konnte die Kinder nachmittags auch einmal zu einem Kundentermin mitnehmen.“ Heute hat Anke Bünting-Walter einen Vollzeitjob und ein ganztags geöffnetes Geschäft. Jetzt profitieren ihre neun Mitarbeiterinnen von ihrer familienfreundlichen Chefin. „Wenn man in Teams arbeitet, ist alles möglich.“
„Wir haben flexible Arbeitszeiten, die von 20 bis 85 Prozent der Arbeitszeit reichen. Auch Väter verabschieden sich teilweise lange in Elternzeit“, erzählt Christiane Riedel, Geschäftsführerin des ZKM. All das funktioniere problemlos, wenn man einen gewissen Planungsvorlauf hat und wenn man die Teilzeit in Teams organisiert.
Personalreferentin Claudia Wankmüller von der ptv AG ist vor 14 Monaten zum zweiten Mal Mutter geworden und arbeitet derzeit zehn Stunden im Homeoffice. „Ich möchte schrittweise wieder aufstocken und werde wohl am Ende eine reduzierte Vollzeit mit 30 Stunden erreichen.“ Bei ptv sind immerhin 20 Prozent der Männer in Elternzeit und auch hier werden gemeinsame Teamziele formuliert.
Personalleiter Ulrich Spielmann von Karstadt Karlsruhe sieht sich als Exot in der Expertenrunde: „Bei uns ist die Präsenz selbstverständlich unerlässlich“. Tarifbedingt gibt es im Hause Karstadt die Möglichkeit, nach den drei Jahren Elternzeit weitere zwei Jahre Elternurlaub zu nehmen.“ Gern gesehen sind Minijobs während der Elternzeit und die Rückkehrquote liegt bei 90 Prozent.
Am Ende waren sich alle einig: Mit viel gutem Training, viel Jubel an der Strecke und starken Mitläufern wird die TechnologieRegion Karlsruhe das Ziel des Marathons „Familienfreundlichkeit“ erreichen können.
Abgelegt unter: Bündnis für Familien · Fachforum · Familienfreundlichkeit · IHKWeitere Meldungen aus der Kategorie Wirtschaft & IHK
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