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Olaf Krätke: “Menschen beobachten und auf sie zugehen”

15. Juli 2012 | 7:00 Uhr

Karlsruhe/Offenburg (tra). Der Schauspieler Olaf Krätke stand gerade als Hausmeister Walter Kabowski für die Tragikomödie „Das Dach“ in Offenburg vor der Kamera, die im Spätsommer im Kino Premiere feiern wird. Boulevard Baden hat sich mit ihm über die Rolle dieser psychisch zerbrochenen Figur unterhalten.

Wovon handelt die Tragikomödie „Das Dach“?
Olaf Krätke: Bei einer Waschmittelfabrik treffen sich drei Männer, die sich eigentlich nicht kennen, oben auf dem Dach und kommen miteinander ins Gespräch. Einer der Männer möchte sich umbringen, weil er mit seinem Leben nicht mehr fertig wird, weil seine Freundin ihn verlassen hat… Es geht darum, wie die anderen darauf reagieren und wie sie zueinander finden und feststellen, wie man mit Schicksalsschlägen im Leben fertig wird – ob man ehrlich damit umgeht, ob man sich selbst belügt oder ob man anderen etwas vormacht. So wird bei den Leuten schonungslos aufgedeckt, was da passiert ist und, ob dieser Selbstmordversuch nicht auch völlig überzogen ist.

Sie spielen den psychisch zerbrochenen Walter Kabowski…
Krätke: Genau, ich spiele den Hausmeister Walter Kabowski, der ein Zyniker und eher ein Eigenbrödler ist, der durch Schicksalsschläge verbittert und im Grunde genommen seelisch angeknackst ist. Er ist in der Firma – auch wenn andere ihn nicht persönlich kennen – als jemand bekannt, der mit Vorsicht zu genießen ist, der andere Leute und deren Bedürfnisse nicht ernst nimmt. Und so reagiert er auch im ersten Moment oben auf dem Dach. Was mir an der ganzen Sache sehr gut gefallen hat, ist, dass – obwohl es oben auf dem Hochhaus ist – es doch ein Kammerspiel ist, als wäre es in einem engen Raum. Ich fand es faszinierend, wie man diese beiden Dinge kombinieren kann.

Wie bereitet man sich auf so eine Rolle vor?
Krätke: Ich denke, das Wichtigste bei der Sache ist, dass man das Drehbuch sehr gut liest, dass man sich auch mit der Regisseurin auseinandersetzt. Man sollte die Drehbücher und die Personenbeschreibung studieren, was alles in der Vergangenheit passiert ist, das muss man auch alles zwischen den Zeilen lesen, dazu gehört natürlich ein bisschen Übung. Und dazu kommt die intensive Beobachtung und Auseinandersetzung mit Menschen. Als ich noch gar nichts mit der Rolle zu tun hatte, als ich solche Menschen kennengelernt habe, habe ich auch schon geguckt, wie sie reagieren. Als Schauspieler muss man Menschen beobachten und auf Menschen zugehen, die man sehr spannend findet. Man muss mit ihnen reden und versuchen, dahinter zu kommen, warum sie das machen was man da gerade sieht.

Haben Sie zuvor schon einmal eine vergleichbare Rolle gespielt?
Krätke: Ich habe schon ein paar Psychopathen gespielt. Aber das ist jetzt kein Psychopath. Walter ist jemand, der sehr viele Schicksalsschläge hinter sich hat und mit denen nicht anders fertig wird, als dass er auf andere ablehnend reagiert. Das ist eine Wut… Die Leute, die er eigentlich mit seiner Wut treffen will, die kann er gar nicht treffen, deshalb lässt er die Wut jetzt an allen aus. Das ist natürlich keine Lösung und deshalb geht dieser Zustand im Endeffekt immer weiter und irgendwann verbittern diese Menschen und werden Zyniker und lassen gar nichts mehr an sich heran. Ich habe schon mehrere Charaktere gespielt, die gebrochen waren. Eine meine bösesten Rollen war, als ich in einem Kurzfilm den Vater einer erwachsenen Tochter gespielt habe, der sie über Jahre hinweg missbraucht hat. Und dann feststellt, dass sie über das Internet versucht, Kontakt zu finden und dann setzt er sich über das Internet mit ihr in Verbindung, als Frau, und wird sozusagen im Internet ihre Vertraute. Es eskaliert bei einem Abendessen als sie beschließt, ihn umzubringen. Er weiß aber nicht, dass sie inzwischen herausbekommen hat, das er die andere ist. Dann gibt es da ein Psycho-Duell, das zu seinem Tode führt. Das war ein ganz fieser Typ. Wobei die bösen Charaktere sind fast immer die interessantesten, da kann man mehrere Facetten zeigen. Ich habe jetzt auch bei den Rosenheim Cops den Mörder gespielt…

Hatten Sie vorher schon einmal Berührungspunkte mit Menschen, die psychische Krankheiten haben – etwa im Freundes- oder Bekanntenkreis?
Krätke: Das habe ich natürlich, da ich einen sozialpädagogischen Background habe – ich habe ein sozialpädagogisches Praktikum gemacht und immer viel mit Menschen im Sozialwesen zu tun gehabt, da meine Frau da arbeitet; aber auch durch mein Präventionsprojekt „Geheimsache Igel“ oder mein Jugendprojekt. Von daher habe ich mit einer Vielzahl von Menschen zu tun, die entweder auf der Opferseite sind oder mit diesen Menschen zu tun haben. Ich habe ein breites Erfahrungsspektrum, auf das ich zurückgreifen kann – auf Menschen, die ich kennen lernen durfte.

Schauspiel ist das eine… Was würden Sie so einem Menschen im wahren Leben raten?
Krätke: Das ist grundsätzlich individuell verschieden. Man muss auch sehen, ob es nicht tatsächlich ein Krankheitsbild gibt. Man muss sehen, inwieweit erkennt eine Person das und inwieweit kann sie damit umgehen, dass sie sich Hilfe holt. Das Erkennen ansich ist eine sehr schwierige Sache. Es fällt uns oft sehr schwer, die Umstände als solche zu erkennen.
Ich denke mal, was uns wirklich helfen kann, ist der wertfreie, offene Umgang miteinander. Dass man versucht, für Menschen – egal wie sie aussehen und wie sie daher kommen mögen – da zu sein und sie anzuhören und auch Zeit füreinander zu haben, selbst wenn man meint, man hat einen Wahnsinns-Zeitdruck und sich auch diese Zeit nimmt. Ich glaube, dass es bei uns in unserer Gesellschaft sehr viel besser aussehen würde, wenn wir mitmenschlicher miteinander umgehen würden. Ich glaube, das Problem ist bei uns auch oft, dass wir so alleingelassen sind und andere alleinlassen. Da entwickeln sich zusätzliche Probleme neben denen, die der einzelne schon mit sich herurumschleppt. Manche Menschen sind hilflos, wissen einfach nicht, wie sie mit Dingen umgehen sollen und dann haben sie auch niemanden – bis es zur Gewalttat kommt.

Welche weiteren Projekte stehen an?
Krätke: Es steht im August ein Jugendfilmprojekt an, bei dem ich den Vater eines jungen Mädchens spiele, das in einer Jugendgang ist. Ich werde im Herbst einen französischen Interpol-Agenten spielen, der Zeuge wird, wie ein Kollege, der auf Machenschaften innerhalb von Interpol gekommen ist, am Telefon erschossen wird. Und er versucht nicht nur den Tod seines Kollegen, sondern auch den Fall aufzudecken. Dann steht noch eine Hauptrolle im neuen Gerhard Polt-Film an, in dem ich einen Franken spiele, der immer noch dem Hitler-Deutschland nachhängt. Es wird eine irre Komödie werden. Ich freue mich schon sehr mit Gerhard Polt und Gisela Schneeberger zusammen zu drehen.

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